DER STANDARD, 12. September 2001

ZEITGESCHICHTE

Der kurze Rausch der Macht

Vor 70 Jahren, in der Nacht vom 12. auf den 13. September 1931, unternahm der steirische Heimwehrführer Walter Pfrimer einen Putschversuch. Das Scheitern des Putsches, der kaum über die Steiermark hinausging, trägt alle Merkmale einer typisch österreichischen Posse. Pfrimer wurde von seinen vermeintlichen Mitstreitern kläglich im Stich gelassen, kam aber, geschützt von einer sympathisierenden Justiz, ungeschoren davon. Martin Betz, der sich als Drehbuchautor mit dem Pfrimer-Putsch beschäftigt hat, zeichnet die Hintergründe des Geschehens nach.

Österreich im Jahr 1931. Durch die Folgen der Weltwirtschaftskrise und den Zusammenbruch der Creditanstalt lag die Wirtschaft landesweit brach, nicht weniger als 350.000 Menschen waren arbeitslos. In diesem Klima der Wirtschaftsnot manifestierte sich der Druck der paramilitärischen Verbände auf die schwachen Institutionen der Demokratie gerade in der Haltung des Judenburger Rechtsanwalts Walter Pfrimer, der seit dem Justizpalastbrand im Juli 1927 immer wieder mit einem bewaffneten "Marsch auf Wien" drohte.

Als Führer des "Steirischen Heimatschutzes", der vor allem in der wirtschaftlich zerrütteten Obersteiermark regen Zulauf fand, war es Pfrimers Ziel, in Österreich eine faschistische Diktatur zu errichten. Pfrimers härtester Rivale war ausgerechnet in den eigenen Reihen zu finden: Fürst Ernst Rüdiger Starhemberg, später Führer der austrofaschistischen "Vaterländischen Front", suchte noch 1930 einen Ausgleich mit den legitimistischen Kräften und trat mit der Heimwehr als politische Partei an.

Zwei empfindliche Wahlniederlagen zwangen Starhemberg im Mai 1931, die Bundesführung der Heimwehr zurückzulegen. Pfrimer, der nicht nur äußerlich dem italienischen "Duce" glich, übernahm interimistisch die Führung und wollte nun mit seinen 14.000 bewaffneten Steirern jenes Wagnis bestreiten, das Mussolini mit nur 12.000 Anhängern mit dem "Marsch auf Rom" gelang. Für dieses Unternehmen hatte sich Pfrimer die Unterstützung der steirischen Eisen-und Stahlindustrie gesichert, welche wiederum von den deutschen Vereinigten Edelstahlwerken kontrolliert wurde. Die Putschpläne sahen eine Störung der Liezener Versammlung des Brucker Sozialdemokraten Koloman Wallisch vor - die zu erwartenden Ausschreitungen sollten als "Überfall von links" dargestellt werden. Dieser Plan wurde aber bald fallen gelassen, und so ergingen in den Abendstunden des 12. September an die Heimwehr-Bezirksführer Meldungen, dass der Heimatschutz anderswo "von Rot überfallen" wurde.

Alle Heimwehrtruppen wären zu bewaffnen und nach herausgegebenem Befehl der "Marsch nach Wien" anzutreten. Die militärische Aktion begann am 12. September 1931 gegen 23 Uhr, kurz nach Mitternacht marschierten überall in der Obersteiermark bewaffnete Heimwehrtruppen durch die Straßen.

Pfrimer ließ sich kurzerhand zum "Staatsführer von Österreich" ausrufen, als welcher er die gesamte Verfassung außer Kraft setzte sowie Exekutive und Bundesheer unter seine Befehlsgewalt stellte. Ein so genanntes "Provisorisches Verfassungspatent" führte das Standrecht wieder ein; Institutionen wie Nationalrat, Bundesversammlung und Bundespräsident waren mit sofortiger Wirkung abgeschafft. Der Aufmarschplan sah vor, dass Heimwehrtruppen Graz einkesseln und weitere Verbände den Semmering überschreiten sollten, von wo man weiter nach Wien vordringen wollte.

Der steirischen Heimwehr kam in den ersten Stunden zugute, dass die Gegenmaßnahmen der Regierung lange auf sich warten ließen. Bereits in der Nacht vom Republikanischen Schutzbund verständigt, ließ die christlich-soziale Regierung unter Bundeskanzler Buresch erst in den frühen Morgenstunden das Bundesheer mobilisieren. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Heimwehr im gesamten Mur-und Mürztal die wichtigsten Verkehrswege blockiert, die Bezirkshauptmannschaften besetzt und etliche sozialdemokratische Bürgermeister verhaftet. So weit lief der Putsch wie geplant. Pfrimer war inzwischen mit seinen Beratern in der Nacht von Irdning über Leoben in sein provisorisches Hauptquartier nach Grambach bei Graz gefahren. Dort dürfte ihn bald die Hiobsbotschaft erreicht haben, dass die oberösterreichischen Truppen, die über das Ennstal, Amstetten und St. Pölten ebenso nach Wien vorrücken sollten, von Starhemberg, zu diesem Zeitpunkt noch Landesführer von Oberösterreich, nur in Bereitschaft gestellt, aber nicht mobilisiert wurden.

Pfrimers Tochter Renate Knauer, 82, erzählt noch heute, dass ihr Vater "das Verhalten Starhembergs immer als Verrat" bezeichnet hat. Auch in der Obersteiermark kam der Vormarsch bald zum Stillstand. Nur ein einziges Bataillon, jenes aus Kirchdorf an der Krems, trat den einsamen Marsch nach Wien an. Diese kleine Gruppe drang im Laufe des Nachmittags bis Amstetten vor, drehte aber bald wieder um, als aus der Gegenrichtung Bundesheer unterwegs war.

Die Niederösterreicher lehnten Pfrimers Abenteuer von Anfang an ab, und der militärische Leiter der steirischen Heimwehr, Major Prankh, der eigentlich den Semmering überschreiten hätte sollen, landete schließlich auf dem Gaberl, westlich von Graz. Ob er sich einfach nur vergangen hatte oder ob es zwischen Prankh, der aufgrund einer schweren Kopfverletzung aus dem Ersten Weltkrieg immer wieder verwirrt gewesen sein soll, und Pfrimer, der schwerhörig war, schlichtweg Verständigungsprobleme gab, liegt im historischen Dunkel.

Auch das Kalkül, dass sich das Bundesheer auf die Seite der Heimwehr stellen würde, erfüllte sich keineswegs. Pfrimer versuchte zwar, den steirischen Landeshauptmann Anton Rintelen dazu zu bewegen, die Grazer Garnison des Bundesheers mit der Heimwehr auf den Semmering zu schicken, stieß aber auch hier auf taube Ohren. Rintelen, dem nationalen Flügel der Christlichsozialen Partei zugehörig, zeigte sich nur insofern kooperativ, als auf seine Weisung hin das Bundesheer für die 54 Kilometer zwischen Graz und Bruck - aufgrund "unvorhergesehener" Maschinenschäden - mehr als acht Stunden benötigte.

Walter Pfrimer dürfte sich bereits in den Morgenstunden des 13. September über das Scheitern des Putsches im Klaren gewesen sein. Er setzte keine weiteren Initiativen und trat die Flucht nach Jugoslawien an. Was tatsächlich erstaunt, ist die zurückhaltende, ja beinahe unbeteiligte Haltung, die Pfrimer in den Stunden des Putsches einnahm. Nach Aussagen von Augenzeugen soll er während des Aufenthalts in seinem Hauptquartier vollkommen handlungsunfähig gewesen sein. Historiker mutmaßen, dass sich Pfrimer nach den ersten Anzeichen des Scheiterns "einen Vollrausch" (so der Historiker Stefan Karner) angetrunken habe. Tochter Renate weist dies zurück: "Als geborener Untersteirer war er es ja gewohnt, Wein zu trinken."

Pfrimers Flucht endete jedenfalls in den Abendstunden in Marburg, wo er bei Verwandten, die einen Weingroßhandel betrieben, Zuflucht fand. Es ist ein tragisches Moment dieses so lächerlich wirkenden Aufstands, dass zu einem Zeitpunkt, als sich der Putsch bereits überall in Auflösung befand - in den Mittagsstunden des 13. September -, auf das Kapfenberger Arbeiterheim das Feuer eröffnet wurde. Zwei Arbeiter wurden erschossen, vier weitere verletzt. Unbehelligt zogen dann die Heimatschutztruppen von dannen, dank der Passivität von Gendarmerie und Bundesheer wurden fast alle Waffen in Sicherheit gebracht, teilweise sogar in Bergwerksschächten versenkt. Am Abend des Putschsonntags war es in der Steiermark wieder vollkommen ruhig.

Aufgrund der sofortigen Amnestieforderung von Landeshauptmann Rintelen, der den Putsch als "b'soffene Gschicht" bezeichnete, kam es nur zur geringfügigen strafrechtlichen Verfolgung der Putschisten. Pfrimer kehrte nach drei Monaten nach Österreich zurück und stellte sich dem "Hochverratsprozess" in Graz. Die Geschworenen waren wohl überlegt ausgewählt und alle Richter Sympathisanten des Judenburger Rechtsanwalts: Pfrimer und sieben weitere Mitangeklagte wurden bedingungslos freigesprochen. Pfrimer, bald darauf Mitglied der NSDAP, verschwand fortan als aktiver Politiker von der Bildfläche.

Der Irrationalismus der politischen Ideologien der Ersten Republik lässt heute über die wahren Hintergründe des Putsches nur mehr Spekulationen zu, genauso wie über die Willfährigkeit, die eine ohnmächtige Staatsmacht den Faschisten bei ihrem versuchten Coup d'Etat zugestand. Historisch gesehen war die nicht einmal zwanzig Stunden währende Diktatur des Walter Pfrimer der erste gewalttätige Versuch, in Österreich ein autoritäres, faschistisches Regime zu errichten.


DER STANDARD, 12. September 2001
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